Das Gesetz der Schwerkraft oder: wie funktioniert eine Spaltenbergung?

1Eine detaillierte Materialliste lies einzelne Shopping-Herzen höherschlagen und steigerte vermutlich markant oder auch nur marginal die Umsätze bergsportorientierter Händler. Als es dann auch sicher möglich war, sich im Kletterzentrum zur praktischen Theoriekunde zu treffen, wurde die Anspannung größer und der einen oder dem anderen wurde langsam bewusst, wofür hier geübt wurde. In Seilschaften eingeteilt, streng nach Pärchen getrennt, wurde zuerst das Material geprüft und anschließend auch eingesetzt. Mit der losen Rolle sollten wir befähigt werden die, in eine Gletscherspalte, gestürzte Person aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Auf dem Rasen robbend hielten wir Spaltenstürze, setzten T-Anker, ließen Schraubkarabiner zur gestürzten Person und zogen sie über den Rasen aus der „Spalte“. Mit Fachbegriffen wie Prusik, Achter, Sackstich und weiteren komischen Begriffen um uns schmeißend lernten wir auch noch, wie es möglich sein soll allein, mit nur zwei dünnen Schnüren, an einem Seil hochzuprusiken (!) um aus eigener Kraft aus einer Gletscherspalte aufzusteigen. Das erste Gefühl von „Bergsteigen“ machte sich breit und die Vorfreude wuchs. Sogar die fünf Betreuer machten einen sympathischen Eindruck. Und so nahm die Geschichte ihren Lauf.

Vollgepackt mit tollen Sachen trafen wir uns, in aller Herrgottsfrüh, am Freitagmorgen zur Abfahrt ins Geltscherwonderland Morteratsch. Drei Stunden später erhaschten wir den ersten Blick auf den Morteratschgletscher, oder vielmehr auf das, was von ihm übrig ist. Auf einem schläppchentauglichen Weg zu seiner Zunge mahnen uns in regelmäßigen, immer länger werdenden Abständen, Hinweisschilder wie viel dieser Gletscher in den letzten 120 Jahren verloren hat. Es ist viel. Verdammt viel.

2Gesammelt in den festgelegten Seilschaften wurde mit ersten Gehübungen in weglosen Moränengelände begonnen, bevor es dann endlich aufs Eis und damit auf den Gletscher ging. Die Steigeisen angezogen und mit einem Pickel bewaffnet lernten wir die verschiedenen Gehtechniken auf Eis kennen und auch wie der Pickel richtig gehalten, genutzt und auf dem Eis abgelegt wird. Schlussendlich wurde angeseilt und wir marschierten über die faszinierende Gletscherwelt, hinweg über Spalten und den weg suchend immer weiter auf seiner Zunge. Nebenbei immer wieder kleine Übungen und neue Lerninhalte. Das setzen einer Eisschraube, das Fädeln einer Eissanduhr, den Standplatzbau in Eis und Firn. Auch das Sichern mit dem ominösen Halbmastwurf stand auf dem Programm. Einer Seilschaft wurde sogar das seltene Erlebnis einer sich selbstherausdrehenden Eisschraube zuteil, was durch Technikguru Andreas ermöglicht wurde. Leider konnte Mareike niemand zeigen, wie die „sich selbst aus einer Gletscherspalte befreiende Eisschraube“ geht, nachdem sie ihre bei einem kleinen Ausflug in eben eine solche Spalte verloren melden musste. Ja, auf einem Gletscher kann man in Spalten rutschen. Jederzeit. Aber alles wurde gut! Mareike kam aus der Spalte, zwar ohne Eisschraube, aber mit einem fantastischen Erlebnis.

So machten sich die Seilschaften, nach vielen Stunden Geltscherbegehung, auf den langen Weg durch die Moräne zur Chamann Boval in 2.495m Höhe. Eingeteilt in Buben- und Mädelszimmer bezogen wir die kleine Seitenhütte, die wir für uns allein hatten. Die duschfreie Bovalhütte verfügt über genügend Hüttenschuhe und einen unbeschreiblichen Ausblick auf den Morteratsch, sowie den Biancograt und natürlich auch den Piz Bernina. In einem, allein für unsere Gruppe zugeteilten, Speiseraum wurde uns müden Berglern ein leckeres Abendessen kredenzt. Die Tourenleitung hat dabei gelernt in Zukunft auch abzufragen, ob es Bedarf an vegetarischer Kost gibt. Nach einem für alle geeigneten Mahl ließen wir den ersten Abend unserer Tour gemütlich ausklingen, bevor am nächsten Morgen um 7.00 Uhr zum Frühstück gerufen wurde.

Die verschnarchte Nacht noch in den Knochen und ausbaldowernd, wer wem wann und wie viele Marmeladenbrote zu schmieren hat, stärkten wir uns für Tag 2 unseres Kurses. Mit angepeiltem Aufbruch um 8.00 Uhr ließ Rainer seine Seilschaft kurzerhand wissen, dass er sie um 7.30 Uhr abmarschbereit auf der Terrasse erwarten würde. Ein kürzerer Weg auf den Gletscher galt es zu finden und weil Rainer das Routensuchen mag, mochte das eben auch seine Seilschaft. Sie haben auch etwas gefu3anden. Den Rand einer Moräne, der mit Hilfe eines Seils und Prusik hinabgegangen werden konnte. Ein Erlebnis und auch eine kleine Herausforderung über 50m an einem gerölligen Hang abzusteigen. Aber das gehört dazu, eine Hochtour ist kein Kinderspiel, das wurde uns zunehmend bewusst.

Am heutigen Tag wurde das Programm durch Spaltenbergung und Hangabrutschen bestimmt. Aufgeteilt marschierten die ersten beiden Seilschaften in Richtung Gletscherspalten, während die anderen drei zum gegenüberliegenden Gletscherrand marschierten, um den perfekten Hang zum Abrutschen zu finden.

Beim Abrutschen eines Hangs gilt es, schnellstmöglich in Bauchlage und Kopf hangaufwärts zu gelangen, um mit den Extremitäten genügend Bremswirkung zu entfalten. Beeindruckend wie schnell ein menschlicher Körper, auf wenig Hangstrecke und bei entsprechender Neigung, beschleunigen kann! Getreu Rolands Motto „weiter rauf, sonst macht`s kein Spaß!“ rutschten und bremsten wir aus allen erdenklichen Positionen diesen Hang hinunter. Der Schnee ist dein Freund, wie es Cornelius zu sagen pflegte und so freundeten wir uns mit dem Gedanken an, was wir zu tun haben, sollten wir jemals an einem Hang abrutschen. Es sei nochmals erwähnt, dass bei all dem Spaß, den wir hatten, immer klar sein muss, wie gefährlich eine Hochtour sein kann. Umso wichtiger ist es zu lernen, wie mit diesen Gefahren umzugehen ist! Natürlich ist es schön, dass unsere Betreuer es geschafft haben, bei all diesem Ernst uns auch einen Spaß an diesen Übungen zu vermitteln. Dennoch war uns dieser Ernst stets bewusst.

Ernst und auch beeindruckend war die Haltekraft eines sogenannten T-Ankers. Das ist ein im Schnee vergrabener Pickel, der an einer Bandschlinge problemlos den Zug dreier 4Personen aushalten sollte. Sofern er denn richtig vergraben wurde und die Gesamtlast nicht zu hoch ist, wie wir bei der Spaltenbergung noch erleben sollten. Aber alles wurde gut!

Bei der Spaltenbergung kam die zuvor am Kletterzentrum geübte lose Rolle zum Einsatz. Die seilschaftsvorderste Person rutscht freiwillig (!) in eine Gletscherspalte und die restliche Seilschaft versucht die Rettung. Das geht nicht einfach so. Das muss geübt werden, da muss jeder Handgriff sitzen. Hier wird der Ernst einer Hochtour ganz bewusst. Wer das nicht beherrscht, der kann nicht auf einen Gletscher gehen. Alle mussten in diese Spalte rutschen und alle mussten die lose Rolle durchführen. Es gibt für jede Position in der Seilschaft eine konkrete Aufgabe, die alle beherrschen müssen, da gibt es keine Ausnahme. Alle müssen jederzeit wissen, was wann zu tun ist. Darauf vertraut die Person in der Spalte. Dass diese Übung natürlich hintersichert durchgeführt wurde, versteht sich von selbst. Dass so eine Hintersicherung redundant aufgebaut werden muss, wurde spätestens dann klar, als ein T-Anker überlastet ausgebrochen ist. Nochmals: eine Hochtour ist kein Kinderspiel. Aber alles wurde gut!

Nachdem alles geübt wurde, die Schritte immer wieder durchgegangen wurden und alle mal in der Spalte hingen, waren über 6h 5Ausbildung an diesem Tag vorbei. Nun stand noch der lange Weg über den Gletscher und die Moräne zurück zur Hütte auf dem Programm. An diesem Tag haben wir durch Jenni gelernt, was der Schnee mit den Augen anstellt, wenn die Sonnenbrille nicht stark genug schützt. Das hat wehgetan und war zum Glück nur von kurzer Dauer.

Dieser Abend war von größerer Müdigkeit geprägt, von den Eindrücken des Tages, Jörgs Anekdoten und des bevorstehenden Aufstiegs zum Piz Morteratsch. Kein leichter Aufstieg. 600hm bis zum Felsriegel. Knapp 300hm durch den Felsen in Schwierigkeiten nach UIIA II+ und zuletzt über den Gletscher noch über 300hm zum Gipfel. Es galt diesen Abend zu entscheiden, ob sich jeder dieser Herausforderung gewachsen fühlt.

63.00 Uhr war Aufstehen. 3.30 Uhr Frühstück. 4.00Uhr Abmarsch. Auch das ist Hochtour. Wer sich nicht fit fühlte, oder Magenprobleme hatte blieb in der Hütte, alle anderen machten sich auf den Weg. Umsichtig von Sabine und dann von Katharina geführt stiegen wir immer weiter auf, den Sonnenaufgang im Rücken. Nach über eineinhalb Stunden kamen wir an die erste Schlüsselstelle des Aufstiegs.

Eine Leiter mit anschließender Kletterei im II. Grad. Vier stiegen ab, der Rest kletterte in gutem Tempo hinauf bis zur Fuorcla Boval auf ca. 3.340m. Für den Gipfel zu spät, zu viel Zeit blieb an der Schlüsselstelle liegen, entschieden wir uns zum Abstieg. Aber nicht, ohne dabei nochmals etwas zu lernen. Sabine, Rainer und Roland brachten uns in aller möglichen Ausführlichkeit bei, wie wir so ein Felsgelände absteigen, ablassen und abseilen können. Grandios! Grandiose Betreuer! Sie haben uns wieder sicher zur Hütte gebracht und uns dabei auch noch so viel Wissen und Können vermittelt, welches in Zukunft bei jeder einzelnen Tour hilfreich sein wird, dass der verpasste Gipfel keine Rolle spielt. Aber auch das ist Hochtour, nicht immer winkt der Gipfel und der Berg ist erst im Tal bezwungen. Selbst jene, die nicht bis zur Fuorcla Boval aufgestiegen sind haben noch vieles gelernt. Andreas und Jörg vertieften nochmals die Spaltenbergung und lehrten Knotenkunde. So konnten alle an diesem Tag vieles mit nach Hause nehmen.

7Und damit kommen wir auch zum Schluss dieses fantastischen Kurses. Wir sind alle wohlbehalten zu Hause angekommen, wir haben sehr viel gelernt und vor allem auch erlebt. Eine Hochtour ist kein Kinderspiel und kann sehr gefährlich werden. Unsere fünf Betreuer haben uns darauf vorbereitet und uns gezeigt, wie wir mit den Risiken von leichten Hochtouren umgehen können. Dafür und den ganzen Spaß, den wir erlebt haben, möchten wir uns bedanken. Ihr habt das hervorragend gemacht und ihr seid einfach tolle Menschen. Wir hoffen ihr macht noch lange als Kursleiter und -betreuer weiter. Aber mindestens bis Jörg alle Anekdoten erzählt hat.

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Bis dahin, vielen Dank und hoffentlich bis bald.

Euer Hochtourenkurs 1/2021