In der Schwäbischen Zeitung steht am 04.04.2022:

Berge wachsen mit Wäldern zu

Der Temperaturanstieg verändert Deutschlands alpine Regionen

Freien Blick über saftige Bergwiesen wird es auch bei der Bad Kissinger Hütte bei Pfronten wegen des Klimawandels nicht mehr geben. (Foto: Nicolas Armer/dpa)
Freien Blick über saftige Bergwiesen wird es auch bei der Bad Kissinger Hütte bei Pfronten wegen des Klimawandels nicht mehr geben. (Foto: Nicolas Armer/dpa)
 
Freising

(dpa) - Bei der Gipfelrast den Blick weit über saftige Bergwiesen schweifen lassen - das wird es zumindest im deutschen Teil der Alpen künftig immer seltener geben. Noch in diesem Jahrhundert wird nach Einschätzung von Wissenschaftlern ein Großteil der Berge zwischen Berchtesgaden und Oberstdorf mit Bäumen bewachsen sein. Das ist eine Folge des Klimawandels, der sich in den Alpen schon jetzt viel stärker bemerkbar macht als im Rest von Deutschland. Ein Forschungsprojekt zeigt düstere Aussichten.

„Die Berge wachsen zu. Die schönen Landschaften oberhalb der Waldgrenze, wo wir einen tollen Blick haben und die Kühe friedlich grasen, das wächst alles zu“, erläutert Jörg Ewald von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf die vorläufigen Ergebnisse des Mitmach-Projekts „Baumgrenzen erkunden“. Dabei achten Bergliebhaber auf die höchstgelegenen Exemplare von 23 Baumarten und speichern ihre Beobachtungen in einer App.

Der Clou: 1854 wurden die höchstgelegenen Exemplare im Auftrag des bayerischen Königs Maximilian II. schon einmal erfasst - just zu jener Zeit, die heute als Referenz für vorindustrielle Klimabedingungen gilt. Und schon damals wurde auf der Wetterwarte auf dem oberbayerischen Hohen Peißenberg täglich die Temperatur gemessen.

„Seither hat die Temperatur in den Alpen schon um zwei Grad zugenommen“, erläutert Ewald. Die Stechpalme etwa, die 1854 ihren höchsten Standort auf 907 Metern hatte, findet sich heute bereits auf 1300 Metern - und hat sich damit um genau jene 400 Höhenmeter nach oben ausgebreitet, die wegen der höheren Durchschnittstemperatur zu erwarten war.

„Diesen Prozess kann man sich Baumart für Baumart anschauen“, erläutert Botanikprofessor Ewald. Die Daten der Wanderer sind im „Portal“ unter www.baysics.de in anschaulichen Karten zu sehen. Einen Mausklick weiter finden sich im „NatureExplorer“ auch Projektionen für die Zukunft. Rot eingefärbt erscheinen Flächen, auf denen etwa die Stechpalme bei einer weiteren Erwärmung um ein Grad und zwei Grad wachsen könnte, womit die Forscher bei einem nur moderat zunehmenden Kohlendioxidausstoß bis zum Jahr 2050 beziehungsweise 2100 rechnen.

„Dann hätten wir gegenüber 1850 plus vier Grad - das ist das, was viele Wissenschaftler für am wahrscheinlichsten halten. Das können wir fast nicht mehr verhindern“, betont Ewald. Nur die Spitzen des Zugspitzmassivs würden der Prognose zufolge am Ende dieses Jahrhunderts noch aus den Wäldern herausschauen. „Das ist Wahnsinn, was wir da machen. Das ist wie eine Zeitbombe, die vor unseren Augen abläuft!“

Dass sich das Bergland schneller erwärmt als das Flachland, liegt daran, dass in den Bergen immer weniger Eis und Schnee liegt. Denn weiße Flächen reflektieren die Sonnenenergie viel besser als Schotter oder Grasland. Steigt der Anteil dunkler Flächen, heizt sich das Gebirge weiter auf, zusätzlich zum normalen Anstieg durch die Treibhausgase.

„Man sieht überall durch Messungen, dass es sich erwärmt, aber man sieht diese Erwärmung auch in der Natur“, sagt Annette Menzel, Professorin für Ökoklimatologie an der TU München. Das werde Folgen haben: „Der Klimawandel ist viel zu schnell, als dass sich unsere Vegetation natürlich diesem Tempo anpassen könnte.“ Wenn etwa an der Zugspitze der Permafrost auftaue, wegen der fehlenden Bodenentwicklung aber noch kein schützender Wald wachsen könne, dann komme es vermehrt zu Lawinen, Muren, instabilen Hängen und Steinschlägen. Auf niedrigeren Bergen werde wegen zunehmender Trockenheit selbst im Winter das Waldbrandrisiko deutlich steigen, mahnt Menzel. Bei der Gipfelbrotzeit könnten dann verkohlte Bäume und Sträucher den Appetit verderben. Menzel mahnt deshalb: „Wir müssen raus aus den fossilen Energien, müssen auf regenerative Energien umsteigen, und das möglichst schnell.“

 

 

Wie lässt sich die Erderhitzung begrenzen?

An diesem Montag stellt der Weltklimarat seinen Bericht zur Minderung des Klimawandels vor

Der Menschheit bleibt nicht mehr viel Zeit, um immer katastrophalere Folgen des Klimawandels zumindest abzumildern. (Foto: Thodoris Nikolaou/dpa)
Der Menschheit bleibt nicht mehr viel Zeit, um immer katastrophalere Folgen des Klimawandels zumindest abzumildern. (Foto: Thodoris Nikolaou/dpa)
 
Genf

(dpa) - Die Erde heizt sich auf. Wie sich der von Menschen gemachte Klimawandel mindern lässt, darum geht es im dritten Teil des neuen Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC). Er soll am 4. April veröffentlicht werden. Unter Minderung werden alle Maßnahmen verstanden, die den Klimawandel und seine Folgen reduzieren. Einige Möglichkeiten und Ideen:

Energie mit weniger fossilen Brennstoffen herstellen

Kohlendioxid (CO2) macht rund 80 Prozent der freigesetzten Treibhausgase aus. Die Nutzung erneuerbarer Energien ist deshalb eine wichtige Maßnahme, etwa von Wind- und Sonnenkraft sowie Bio- oder anderen CO2-neutralen Treibstoffen. Die Schweizer Firma Synhelion etwa stellt mit Sonnenlicht ein Synthesegas her, aus dem Kerosin gemacht wird. „Grüner Wasserstoff, grünes Gas, das ist aus meiner Sicht ,the way to go'“, sagt Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Grüner Wasserstoff wird unter Einsatz erneuerbarer Energien mittels Elektrolyse gewonnen und kann fossile Brennstoffe ersetzen. Grünes Gas ist etwa Biogas aus landwirtschaftlichen Abfällen.

Effizienterer Energieeinsatz

Lüftung, Kühlung, Beleuchtung und Motoren sollen mit weniger Energie auskommen. „Private Haushalte sind für ein gutes Viertel des Stromverbrauchs verantwortlich“, schreibt das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg. Energie einsparen geht auch mit Spararmaturen an Wasserhähnen und Duschköpfen: Das senkt den Warmwasserdurchfluss, und es wird weniger Energie für warmes Wasser benötigt. Energieeffizienter ist es auch, wenn Pendler sich zu Fahrgemeinschaften zusammentun anstatt einzeln im eigenen Auto zu fahren. Eine verbesserte Gebäudeisolierung kann Brennstoffe für das Heizen sparen.

Änderungen im Mobilitäts-, Konsum- und Ernährungsverhalten

Weniger Autofahrten und Flüge, mehr Rad und Zug fahren, eine elektronische statt einer Papierzeitung, Videokonferenzen statt Geschäftsreisen, Homeoffice statt Arbeiten im Unternehmen - das alles verringert den CO2-Ausstoß. Weniger Fleisch essen auch: Rinder etwa stoßen das klimaschädliche Gas Methan aus, CO2-speichernde Wälder werden abgeholzt, um neue Weiden anzulegen.

CO2 binden oder der Atmosphäre entnehmen und einlagern

Das geht etwa durch Aufforsten oder die Renaturierung von Mooren. Denkbar ist es auch, CO2-speichernde Pflanzen wie Bäume, Raps oder Mais anzubauen, diese in Biogasanlagen zur Stromproduktion zu verbrennen und das dabei entstehende CO2 einzufangen und einzulagern. Eine andere Idee, die Forscher der Universität Augsburg als Modell am Computer entwickelt haben: Über Naturlandschaften ausgestreuter Basaltstaub kann bei der Verwitterung viel CO2 binden. Forscher prüfen auch Möglichkeiten, Kohlendioxid im Meeresboden einzulagern oder das Wachstum von Plankton im Meer zu fördern, um so Kohlenstoff zu binden. Die Schweizer Firma Climeworks hat 2021 in Island eine der größten Anlagen zur Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre in Betrieb genommen. Doch die Expertin für nachhaltiges Ressourcenmanagement an der Humboldt-Universität zu Berlin, Sabine Fuss, warnt: „Solche Entnahmen können nie ein Ersatz für die Minderung der Emissionen sein.“

Sonnenstrahlung reduzieren

Ein weiterer Ansatz des Geoengineerings beschreibt Methoden, mit denen die auf die Erde treffende Sonnenstrahlung verringert werden soll. Das könnte mit Schwefelpartikeln passieren, die in 15 bis 20 Kilometern über der Erde versprüht werden, oder mit Aerosolen, die das Sonnenlicht reflektieren. Fachleute warnen vor Risiken, auch Fuss sagt, es mangele an Forschung. Aber um eine katastrophale Erwärmung zu verhindern, müssen man alles erwägen: „Wir können uns größere Wissenslücken auf dem Gebiet nicht leisten.“