Hochtourenwoche im Stubaital

Schon die Aussicht während des Aufstiegs zur Sulzenau Hütte lies uns trotz des herrlichen Wetters nichts Gutes ahnen - tief verschneit bis in die untersten Lagen empfingen uns die Berge rund ums Sulzenautal. Trotz dieser Aussichten und der schweren Rucksäcke ließen wir uns kaum entmutigen und stiegen in freudiger Erwartung der kommenden Bergfahrten bergan der Hütte entgegen. Doch auch am nächsten Tag machte uns die Schneelage zu schaffen. Der Apere Freiger (3262m) zeigte uns seine kalte, verschneite Schulter, sodass wir uns geradezu durch hüfthohen Schnee wühlen sollten und nach fünf anstatt drei Stunden endlich auf dem Gipfel standen.

altWahrlich, geschenkt wurde uns dieser Sieg nicht, umso mehr genossen wir ihn. Bergab ging es nicht über den glitschigen Grat mit den Kletterstellen, die bei diesen Verhältnissen wohl kaum mit I bewertet werden dürften, sondern frohgemut in wildem Geschlitter die verschneite Flanke des Bergs hinab. Dass am Wilden Pfaffen gegenüber ständig Lawinen abgingen beunruhigte uns nicht weiter - unser Berg schien sein übermäßiges Schneekleid schon abgeschüttelt zu haben. Und doch kamen wir erschöpft und kleinlaut von dieser Schinderei zur Hütte zurück - wie mochten wohl die nächsten Tage bei diesen Verhältissen werden, wenn wir für eine solche eine Wanderung schon unverhältnismäßig viele Reserven verbraucht hatten? Müssten wir uns etwa mit langweiligen Wanderungen zufrieden geben, anstatt die wunderbar majestätischen Schnee- und Eisriesen um uns herum zu bezwingen? Gar bang war uns ums Herz als am folgenden Tage dann auch kein Gipfel mehr zu sehen war - so sehr hatte sich das Wetter verschlechtert. Und doch wollten wir nicht nur den Übergang zur Nürnberger Hütte wagen, sondern auch den Weg für den nächsten Tag erkunden.

altRegen empfing uns an der Nürnberger Hütte und das Hüttenpersonal konnte wohl nur seine Hände über dem Kopfe zusammenschlagen ob dieser beiden Verrückten, die geschwind ihr überflüssiges Zeug in die Ecke schmissen und dann praktisch wieder zur Türe heraus und auf dem Weg zum nächsten Berge waren. Und was wir kaum zu hoffen gewagt hatten trat tatsächlich ein - die Verhältnisse schienen hier viel besser zu sein als noch am vorigen Tag am Freiger. Beim Spuren sank man nur bis zu den Knien ein, sodass wir unsere ganze Kraft nun der Orientierung im undurchdringlichen Neben widmen konnten. Innerhalb der veranschlagten Zeit erreichten wir tatsächlich das Steinmanderl des Gamsspitzls (3052m). Abgesehen vom Gipfelsieg und der Spurerei hielt dieser Tag jedoch wenig Erfreuliches für uns bereit. Der Weg zum Wilden Freiger war nicht einsehbar, so sehr wir auch in den Nebel starrten, sodass wir es schließlich - durchnässt bis auf die Knochen - aufgaben und die wärmende Geborgenheit der Hütte suchten. Umso ernüchternder war die Erkenntnis, dass nicht nur der Trockenraum schon überbordete vor nassen, klammen Kleidern anderer Wanderer, sondern sich diese auch noch als unangenehm laute und aufdringliche Zeitgenossen entpuppten, die zu allem Überfluss während der nächsten beiden Tage die selben Gipfelziele hatten wie wir, sodass es nicht einmal in der Stille der Berge ein Entkommen vor ihrem nervenaufreibenden Geschwätz zu geben versprach. Auch dass auf der Hütte kein detaillierter Wetterbericht zur Verfügung gestellt wurde, hob unsere Stimmung nicht. Wohl aber das ausgezeichnete Szegediner Gulasch, das zum Abend kredenzt wurde.

Am nächsten Morgen schafften wir es, knapp vor der Seilschaft Herbert (so hatten wir unsere unfreiwilligen Weggefährten nach dem größten Schwätzer unter ihnen getauft) aufzubrechen, sodass wir zumindest bis zum Ende unserer gestrigen Spuren unsere Ruhe hatten. Man muss dem Bergführer der Seilschaft Herbert zugute halten, dass er sich nicht zu schade war, uns beim Spuren abzulösen, wobei es bei ihm eher an Orientierung als an Kondition mangelte und wir von Glück sagen können, dass wir den Weg zum Wilden Freiger (3418m), Signalgipfel (3392m) und Becher (3190m) gefunden haben.

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Neben Glück mögen es auch die Spuren gewesen sein, die die gute Wirtin vom Becherhaus für uns am selben Morgen im oberen Bereich des Wegs angelegt hatte. Eine ausgezeichnete Hütte übrigens, direkt auf dem Gipfel des Bechers gelegen und dem Lande Südtirol gehörend. Man hat hier bei gutem Wetter nicht nur einen wunderbaren Blick auf den Übeltalferner, sondern auch Richtung bis tief ins Tal.

altWährend unseres Aufenthalts im Becherhaus wurden wir mit allem Komfort verwöhnt, den wir auf der Nürnberger Hütte so schmerzlich vermisst hatten. Dem herzensguten Wirtspaar sei an dieser Stelle Dank gesagt für ihre Gastfreundschaft und ihr Bemühen, es uns an nichts mangeln zu lassen. Am folgenden Tage wollten wir nicht nur den Wilden Pfaffen über seinen luftigen Ostgrat erklimmen, sondern auch dem höchsten Punkt der Stubaier Alpen, dem Zuckerhütl, unsere Aufwartung machen. Dies gelang bei zunächst vortrefflicher Laune bis wir im Gipfeleisfeld des Zuckerhütls beobachten mussten, wie der Bergführer der Seilschaft Herbert - so sehr darauf bedacht, seine Klienten innerhalb kürzester Zeit auf den Gipfel zu bringen, dass jegliches Risikobewusstsein ihm abhanden gekommen zu sein schien - einer italienischen Seilschaft unter dem Seil durchstieg und somit Gefahr lief, im Falle eines Sturzes die Italiener aus der Wand zu reißen, oder selber mit seiner Kundschaft hinuntergerissen zu werden. Wir beobachteten das gruselige Schauspiel vom Fuße des Eisfelds aus, immer bangend dass nichts geschähe und wir nicht zur Hilfe eilen müssten. Doch alles ging gut, sodass wir denn auch bald in die recht steile Eiswand einsteigen konnten. Das waren im Übrigen die einzigen 20 Minuten dieser Woche, in denen wir tatsächlich die Steigeisen anschnallten! Noch vor Mittags standen wir auf dem Gipfel des Zuckerhütls (3507m) und konnten, unterbrochen von einzelnen Nebelschwaden, den Blick in die Ferne der wunderschönen Alpen schweifen lassen.

altDa uns der Abstieg durch die Unfähigkeiten der Seilschaft Herbert zunächst verwehrt blieb, verbrachten wir unverhältnismäßig viel Zeit auf dem Gipfel, bis es endlich an uns war, rückwärts die hartumkämpften Meter des Eisfelds hinteruns zu lassen. Am Pfaffensattel nahmen wir frohen Herzens Abschied von unseren unfreiwilligen Weggefährten und traten frohen Mutes und in Erwartung eines markierten Pfades den Weg zur Hildesheimer Hütte an. Umso größer die Ernüchterung, dass obschon die Hütte deutlich zu erkennen, sie kaum in der von uns vorgesehenen Zeit zu erreichen war - Lawinen hatten den Weg unpassierbar gemacht und uns blieb nichts anderes übrig aks ein letztes Mal alle unsere Kräfte zusammen zu nehmen und den Weg zur Hütte zu spuren. Erschöpft und mit nassen Kleidern und Schuhen mussten wir alsbals feststellen, dass der Hüttenwirt ein wahrlich sparsamer Mensch sein musste, weigerte er sich doch den Trockenraum zu beheizen. Der Hinweis, wir mögen unsere Schuhe doch in den (eisigen) Wind stellen, rang uns ob ihrer tüchtigen Durchnässtheit nur ein müdes Lächeln ab. Auch sonst kann der Empfang auf der Hildesheimer Hütte nicht als warm beschrieben werden. Es mag wohl daran gelegen haben, dass wir nicht genug Bier und Wein zusprachen, da wir unsere schmalen Geldbeutel nicht zu sehr belasten wollten. Und so waren wir froh, dass wir am nächsten Morgen - ohne Frühstück - der Hütte Lebewohl sagen konnten, um unseren Spuren vom vorigen Tage zurück zum Pfaffensattel zu folgen. Von dort aus wollten wir noch geschwind den Aperen Pfaff erklimmen, bevor wir uns zurück zum Ausgangspunkt unserer Bergfahrt schlagen wollten. Denkend, wir hätten alle Schwierigkeiten überwunden ging es weiten Schrittes den Sulzenauferner hinab, bis auf einmal - oh Schreck - ich keinen Halt mehr unter den Füßen verspürte! Eine Gletscherspalte drohte mich zu verschlucken! Doch im Angesicht solcher Gefahr mobilisiert der Mensch Reserven, um deren Existenz er vorher nicht wusste und so gelang es mir, mich äußerst unelegant aus dieser misslichen Lage zu befreien. Auch nachdem wir den zerklüfteten Ferner hinter uns gebracht hatten, wurde der Weg nicht einfacher - Muren und Steinlawinen hatten den Pfad zur Sulzenau Hütte unpassierbar gemacht und wir mussten uns selbst einen gangbaren Weg durch Geröll und Erdmassen suchen.

Nach diesem letzten Kraftakt beschließen wir unsere Bergwoche mit Apfelstrudel und Schiwasser, gezeichnet von Anstrengung und Höhensonne planen wir auf der Terrasse der Sulzenau Hütte schon die nächsten Ziele. Schweren Herzens nehmen wir Abschied von den Stubaier Alpen, doch alle beide haben wir das Versprechen auf den Lippen: wir kommen wieder!

Von Hannah Deierling.